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Anne,
30 August 2010
Congo, The Republic of
, Kinshasa
30°
Sonntag, 22.8.
Muede starre ich auf die Woerter des Artikels, immer wieder fallen mir die Augen zu. Als ich das Heft weglege und mich an Michas Schulter lehne, lausche ich noch ein wenig dem Stimmen- und Sprachgewirr um mich herum. Es ist niemals still, die Luft erfuellt von lauten Stimmen, von Lachen, dem schreien der Kinder- ja , ich fliege wirklich nach Hause1 Es fuehlt sich so wunderbar richtig an.
Ich merke, wie ich aufbluehe, die Muedigkeit vergesse im Gespraech mt diesen faszinierenden Menschen um mich herum. Die Kongolesin, die aus Bogota und Paris kommt und sich auf zu Hause freut. Der Arzt, der zum ersten Mal Richtung Malawi unterwegs ist, die Studentin, die ihre kenianische Freundin besucht und sich « so freut auf Afrika ». Der aus der Republik Kongo stammende Mann, der mir erklaert, warum er sich nur in London zu Hause fuehlt, die Mutter mit ihrem drei Wochen alten Baby, die wieder und wieder fasziniert die kleinen Finger betrachtet. Die aethiopische Stewardess, die mir erklaert, woher ihre Sprache kommt.
Waehrend in mir langsam die Vorfreude hochkriecht, ziehen Bilder in meinem Kopf vorbei- Momente aus Dresden, die Traenen in den Augen meiner Eltern, Abschiedsmails und –briefe. Aber dann, immer staerker und bunter, der Dschungel, tanzende, lachende Menschen, starke Frauen, freche Kinder, Menschen wie ich, Brueder und Schwestern aus dem Teil der Erde, dem mein Herz gehoert.
Der Fluss, lebensspendend und maechtig, stark und gefaehrlich, tief und wunderschoen. Eine Reise ins Herz Afrikas, eine Reise zu den Menschen dort, ihren Kulturen, ihrer Wut vielleicht, ihren Aengsten, ihren Traeumen. Eine Reise zu mir, eine Reise zu uns. Zeit, in mich hineinzuhorchen. Situationen, in denen ich spuere, was wichtig ist, was moeglich ist, was gut, was richtig, was falsch ist.
Dienstag, 24.8.
Waehrend Didace mit dem Mann telefoniert, der vielleicht Kongos naechster Praesident wird, kommt ein Junge an die Seite unseres Jeeps und moechte Wasser verkaufen. Mitten durch die fahrenden, wartenden, hupenden Autros schlaengelt er sich und klopft an die getoente Scheibe. Als Didace aufs Gas drueckt, sehe ich Kabilas Konterfei auf seinem zerrissenen T-Shirt. Wie funktioniert Politik in Afrika ?
(…) und dann doch den Mut, die Fragen zu stellen : wie war das damals ? wie ist es heute ? wie lebt ihr mit dieser erniedrigung, dieser ausbeutung ? wer ist es, gegen den sic heure wut richtet ? ist eine andere welt moeglich ? glaubt ihr noch, hofft ihr noch ? In allen Antworten Trauer und Resignation. Dann auf einmal Wut : Unsere Kolonialmacht heute ist Amerika1 Bill Clinton hat angefangen und niemand hat den Mut diesen Krieg, das Morden ; die Ausbeutung zu stoppen1 Sie sollen aufhoeren, uns Waffen zu liefern, sie sollen endlich aufhoeren, dieses Land jeden Tag kaputt zu machen1
Samstag, 28.8.
6 Tage sind wir jetzt hier in Kinshasa und haben doch nur ein vages Gefuehl von dieser drittgroessten Stadt Afrikas. Streiflichter nur, Eindruecke, Bilder, die sich ins Gedaechtnis brennen, untermalt von diesem wunderbar afrikanischen Klangteppich aus Rufen, Lachen, Stampfen, Klopfen, Hupen… Der grosse Markt, auf dem halbe Kuehe, Schuhe, abgelaufene Tuetensuppen aus Russland und Gemuese aus dem fruchtbaren Umland Kisnhasas verkauft werden ; das Gedraenge in den Gassen, das Beladen eines LKWs unter lautem Anfeuern der Umstehenden. Fahrten im Sammeltaxi, eingequetscht und verschwitzt, aber gluecklich in der von Lachen erfuellten, stickigen Luft. Gespraeche mit Verkaeuferinnen, die unglaeubig nachfragen, ob ich wirklich hier bin, um das Land kennenzulernen. Strahlende Gesichter wenn ich nicke und sage, wie gut es mir hier gefaellt.
Das altbekannte, wohlig warme Gefuehl, enn die kleine Tochter von Didace vertrauensvoll in meine Arme gekuschelt einschlaeft.
Das laute Johlen einer farbenfroh gekleideten Frau als sie hoert, dass ich Swahili spreche, ihre spontane Umarmung, die mir fast die Luft nimmt.
Die riesige, moderne Stadtautobahn an der herausgeputzte und sehr elegant gekleidete Kongolesinnen neben kleinen Kindern, die Wasser und Taschentuecher verkaufen, auf Minibusse warten.
Die frische Brise, die vom Fluss heraufzieht, die beiden Hautpstaedte an den Ufern, in denen sich neben einfachen Huetten hohe Gebaeude in den Himmel recken.
Ein altbekanntes Lied, das ploetzlich aus den Lautsprechern dringt und mich an Abende in Tansania erinnert, die so schrecklich fern und doch so hoffnungsvoll nah sind.
Das Gespraech mit Mike, der sich ein kleines Restaurant aufgebaut hat und an die Demokratie glaubt. « Igrnedwann wird jemand kommen, dem es um uns und nicht ums Geld geht ».
Teenagerjungs, die ihre Koepfe zu Hiphop bewegen und unauffaeelig rueberzwikern, waehrend sie sich zu zehnt eine Cola teilen. Ihr unbeteiligtes Grinsen, als ich aufstehe und mich von ihnen verabschiede.
Sonntag, 29.8.
Ich habe die schlimmsten Bauchkraempfe meines Lebens. Und so sitze ich im Auto und stehe nicht wie die anderen Raupen essend zwischen den kleinen, aus Blechtonnen gebauten Oefen, auf denen die Menschen Insekten, Maniok und Antilopenfleisch in Bananenblaettern roesten. Aber so beobachte ich ein wenig, sehe die vielen Jugendlichen, die rastlos umherschlendern, aufgeregt schreien
tanzen… die Zukunft dieses Landes. Doch wo sind ihre Perspektiven ? Wo ihre Bildung ? Die Analphabetenquote liegt bei 80%. Also « in die Stadt, in die Stadt »- informelle, illegalisierte Jobs, den weissen « Helfern » Taschentuecher verkaufen… Kinshasa hat 10 Millionen EinwohnerInnen. Eine tickende Zeitbombe ? 1991 und 1993 gab es riots, Aufstaende, Massenpluenderungen. Da waren es 3, spaeter 5 Millionen. Wer koennte den jetzigen 10 Millionen Einhalt gebieten ? Was passiert, wenn der alte Oppositionskandidat Pemba aus dem Gefaengnis kommt und dann durch Wahlfaelschung NICHT gewinnt ? Bilder aus Kenia rasen durch meinen Kopf - nur wird die Wucht des Kampfes um so viel groesser, die Opferzahlen so viel hoeher sein… Wenn diese Stadt sich erhebt, koennen die korrupten Eliten und « Hilfs »organisationen noch so hohe Zaeune um ihre Villen bauen… und dann doch die Gespraeche mit den Menschen « wir sind ein friedliches Volk, wir wollen keinen Krieg » « ich habe gesehen, wie soldaten eine 8jaehrige vergewaltigt haben, wieder und wieder. So etwas darf nicht passieren » « Ich will niemals wieder eine Waffe in meinen Haenden tragen » « Wir muessen dieses Land wieder aufbauen » Geht das ? Welche Rolle spielen die Blancs ? Alle korrupt, sagen die Menschen hier. Weltbank, GTZ, UN-Soldaten- alle beuten sie aus, stecken Geld in die eigene Tasche. « Aber », erklaert mir eine amerikanische Mitarbeiterin einer Bank, « du kannst nun mal das Tausendfache verdienen, wenn du Gold oder Diamanten exportierst »
(spaeter)
Oh wie wunderbar. Weit weg vom Getoese und Schmutz der Stadt zwischen sanften Huegeln, durch die sich ein klarer Fluss schlaengelt. Viele Menschen, Familie, Lachen, viele Kinder. Gute Gespraeche, wahnsinnig leckeres Essen (Heuschrecken- haette nie gedacht wie lecker die sind) und dann stundenlanges Planschen im Fluss. Treiben lassen von der Stroemung, an Baeumen festklammern, aus Treibgut mit den Kids ein Boot bauen. Unbeschwert, leicht, gluecklich. Dann Volleyball mit allen, Alte, Junge, Maenner, Frauen, Geschaeftsmaenner und Bauern vom Feld nebenan unter der feuerroten untergehenden Sonne waehrend die Kids zum aus einem Lautsprecher klingenden Lied der Fussball-WM singen und tanzen : « IT’S TIME FOR AFRICA »
So ihr Lieben, unsere Bootsfahrt verzoegert sich weiter, aber Mittwoch, Mittwoch ganz bestimmt... sagen sie. Das ist eben auch Afrika. Und so bekommt ihr wenigstens noch ein bisschen was zum lesen...
Gros bisous a vous
Anne
Kommentare zu diesem Eintrag
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Liebe Anne, habe mit großem Interesse deine Streiflichter gelesen. man spürt mit jedem Wort, welche Faszination dieser Kontinent auf dich ausübt. Weiterhin viele tolle Erlebnisse und Begegnungen, Take care!
Hdgdl
Papi
Ihr beiden Lieben,
morgen geht's bei mir auf Reise gen Osten. Courage, courage, courage für euer "Projekt" - erzählt, schreibt und fühlt, nachdem ihr euch habt treiben und inspirieren lassen. Liebe Grüße auch von dem Kongolesen aus Kinshasha in Paris!
Bon vent, prenez soin de vous!
Bassi
PS: http://www.youtube.com/watch?v=F1JzlUrEb4A - C'est ca, l'histoire triste!
jajaja
Ohhhhh Anne! Es ist sotraumhaft deine Eindruecke und Gedanken zu lesen. Danke, dass du immer teilst. Ich weiss du bist die letzte, die dasabsichtlich macht, aber meintest du eine Nordamerikanerin? 
Te amoooo!
Ich wuensche dir weiterhin viel Liebe, Farbe, Freude und Kraft auf deiner Reise durch deine Heimat!
ich mache genau das gegenteil mit der elite des landes. meine guete, was wuerde ich geben um bei euch und mit euch beiden verrueckten plaene zu schmieden!!! dieses leben hier ist abscheulich und der grund fuer das,was ihr da unten seht.
moegen sich die wege vor euren fuessen ebenen, moeget ihr den wind im ruecken tragen...
ein reisesegen. geniesst eure zweisamkeit mit allen sinnen und lasst uns was veraendern wenn ihr wieder da seid.
eure gefi
Liebe Anne,
schön, dass es euch gut geht
!!
Liebe Anne, meine Gedanken sind bei euch - . Mich interessiert natürlich u.a. auch brennend, ob ihr mittlerweile ein Boot geentert habt oder direkt weiter nach Goma unterwegs seid. Grüß die "Silberrücken" von mir.
Take care, xxxxx Mama, hddl
Verzeih du schoenste Suedamerikanerin dieser Welt. Kuesse nach Buenos Aires. Und dir liebe Mama- morgen geht es auf ein Boot bis Mbandaka, dann irgendwie mit Flugzeug bis Goma, da hoffentlich Vulkan und Gorilla bevor es dann nach Kigali geht.
Hey Schnecke!
Läuft die Teamarbeit? Geht der Campingkocher =) ?
Kannst du mir naschbare Heuschrecken mitbringen???
Huhu ihr zwei!
Hoffe es geht euch gut. Ist es nun ein Boot oder eher ein Schiff? Bei der Grösse des Stroms hoffentlich ein Schiff..
Ich denk an euch und schick alle meine guten Wünsche an und auf den Fluss, dass er zu diesen zwei Menschenkindern besonders gut sei!
Ganz liebe Grüße
Papa
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