Auslandssemester in Bujumbura Burundi Burundi, Bujumbura   06:04

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Anne, 19 März 2012
Burundi Burundi , Bujumbura 31°


Überwinden-Berge,Grammatik,Patriarchat,Homophobie

Wir klettern auf den höchsten Berg Burundis, 2781 Meter hoch, Mont Heha. Wir, das sind hunderte von Leuten, die in irgendeiner Form gegen Gewalt gegen Mädchen und Frauen kämpfen, zivilgesellschaftlich, privat, in internationalen Organisationen. Alle sind eingeladen, viele gekommen. Oben auf dem Gipfel wird in einer Stimmung, die irgendwo zwischen Erschöpfung und Euphorie schwankt, ein Schild einbetoniert. Das Erklettern ist Teil der afrikaweiten, von UN-Generalsekretär Ban ki-Moon initiierten Kampagne- „Africa Unite“.
Ich, die ich sowohl auf afrikaweite Aktionen als auch auf Wandern stehe, bin einfach nur happy, daran kann auch der irgendwann einsetzende Platzregen nix ändern. Beeindruckt, wie viele Menschen (unter anderem mindestens 200 Polizistinnen) sich freiwillig samstagmorgens um 7 Uhr auf den beschwerlichen Weg ins Landesinnere machen. Es herrscht eine fröhliche Stimmung, die Menschen reden, lachen miteinander, Wasser wird geteilt, auf Nachzügler_innen gewartet. An steilen Stellen steht immer irgendwer, der dir die Hand reicht. Was für eine schöne Idee.


Ich liebe es, Deutsch zu unterrichten. Weil ich es ganz dreist so unterrichte, wie ich es für richtig halte, nicht, wie ich es selbst gelernt habe. Manipulation also, streng gesehen. So bringe ich meinen Schülerinnen und Schülern bei, dass gendern obligatorisch ist, wer „Lehrer“ statt „Lehrerinnen und Lehrer“ sagt, bekommt einen Punkt abgezogen. Außerdem, da die Zeit ja eh nicht reicht um ihnen alle Wörter beizubringen, bringe ich ihnen neben einem „Hauptvokabular“ hauptsächlich Wörter bei, die ich mag. Konjugieren haben wir mit Wörtern wie „lachen“ oder „lieben“ gelernt und alle kennen die Bedeutung von „Frieden“, „Sonne“, „Gerechtigkeit“, „Solidarität“, „Familie“ und „Freiheit“.
Auch methodisch würden einige meinen Unterricht sicherlich als „nicht an Uni-Niveau angepasst“ bezeichnen- ich spiele und singe, lasse sie in Vokabelspielen gegeneinander antreten und verteile Kekse bei besonders gut gemachten Hausaufgaben. Die Profs, die an unserem Klassenraum vorbeigehen, bleiben manchmal vor den zum Hof gehenden Fenstern stehen und lachen, am Anfang hat mich das irritiert, jetzt nicht mehr.


Yeah. Nachdem wir vorletztes Wochenende schon mit Stefan und Judith im Nationalpark auf der Suche nach Hippos waren (mit Fernglas waren sie auch zu sehen, vor allem aber war das weitläufige, grüne Gelände des Parks wunderschön anzusehen), haben Romeo und ich dieses Wochenende einen Bootstrip gestartet- ein Kumpel von ihm hat sich ein Boot gebaut, aus dem man zwar permanent Wasser schöpfen muss, das aber sonst (sogar mit Außenbordmotor) recht seetüchtig ist.
Ich wollte Fannery eh immer mal den See zeigen und mein jüngster Gastfamilienbruder hatte auch noch nie Hippos gesehen… also gabs einen wunderbaren Familienausflug bei strahlendem Sonnenschein (die eigentlich anstehende Regenzeit lässt gnädigerweise dieses Jahr ein bisschen länger auf sich warten als sonst). Nach Hippos und Vögel gucken blieben wir noch ein paar Stunden am Strand, kletterten zu viert auf einen riesigen Baum, spielten Fangen und Verstecken, schwammen… ein ganz wunderbarer Tag, ich habe es unendlich genossen, Fannery so glücklich und ausgelassen zu sehen. Irgendwann, die beiden Jungs schleckten an ihrem Eis und wühlten im Sand (großartige Kombination übrigens, endet a) in komplett verdreckten T-Shirts und b) in Hustenattacken), Romeo lehnte am Baum und spielte Gitarre, habe ich mir mal wieder kurz gewünscht, die Zeit würde einfach stehen bleiben und ich könnte hier und jetzt bleiben… Ersatzmama spielen, Zeit haben, Musik lauschen, Sonne genießen… voll das gute Leben eben Smile.


Ich bin auf einer Fortbildung, Vertreterinnen und Vertreter fast aller wichtigen burundischen Organisationen, die bezüglich sexueller und gender-basierten Gewalt arbeiten, sind da. Wir reden über ein neues System, Daten diesbezüglich regional zu sammeln. Hört sich theoretisch und trocken an und es stimmt, es geht viel um Excel-Tabellen und das Ausfüllen web-basierter Formulare. Aber wir reden auch, diskutieren. Und das ist so berührend, packend, ergreifend, dass ich oft Tränen zurückhalten muss.
Ich beschäftige mich jetzt schon seit einiger Zeit mit diesem Thema, habe längst entschieden, dass das der Bereich ist, in dem ich später mal arbeiten möchte- die Rechte von Frauen, der Kampf gegen ihre systematischen Verletzungen, die Stärkung, Ermutigung, Unterstützung von Frauen, sich für sie einzusetzen.
Ich habe Berichte, Bücher, Studien, Artikel gelesen über all die furchtbaren Praktiken, Traditionen, Gesetze, Vorfälle. Im Südsudan und auch hier habe ich mit Frauen gesprochen, die vergewaltigt, als Kinder verheiratet, geschlagen, missbraucht wurden, habe Männer und Frauen getroffen, die das mit Tradition und Religion begründen.
Ich habe mich nie daran gewöhnt, jeder Vorfall, jede Geschichte trifft mich tief, bewegt mich wie das erste Mal. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst eine Frau bin, dass ich systematische Angriffe auf Frauen (beispielsweise als Kriegsmethode) auch als Angriffe auf die Weiblichkeit, auf die Gesamtheit der Frauen verstehe. Das soll nicht heißen, dass ich Verbrechen an Männern nicht genauso verurteile, ich bin die letzte, die sich schulterzuckend von irgendeinem Opfer von Gewalt abwendet.
Aber Gewalt an Frauen bewegt mich anders. Vielleicht weil ich sie –auf anderer Ebene- selbst erlebt habe, weil ich selbst gegen meinen Willen schon angefasst, festgehalten, geküsst, beleidigt, rumgeschubst wurde, weil mir Dinge verwehrt worden sind, weil ich eine Frau bin. Weil mir immer wieder Männer durch Verhalten und Sprache klar machen wollten, dass ich auf irgendeine Art und Weise schwächer bin als sie, nicht so fähig, nicht so mutig, nicht so stark, nicht so rational, nicht so intelligent.
Selbst wenn das eine völlig andere Ebene und Tragweite als eine Massenvergewaltigung ist, gibt es im Ansatz der Gewalt, in der Begründung, dem Ursprung eben Gemeinsamkeiten, Gemeinsamkeiten die oft erschreckend systemisch und verwurzelt sind in der jahrhundertealten Geschichte und dem Selbstverständnis des Patriarchats.

Meine Praktika im Südsudan und Burundi im Bereich „Women Empowerment“/Kampf gegen SGBV, aber auch einfach Erlebnisse (eigene und fremde) hier und in Deutschland, lassen mich mehr und mehr verstehen und kennen, lassen mich wütender und wütender aber auch entschlossener und entschlossener werden. Es reicht. Es ist genug. Gewalt aufgrund von Geschlecht, biologischem oder sozialem, Gewalt aufgrund sexueller Orientierung, Religion, Hautfarbe, Herkunft… wie heißt es so „schön deutsch“ zusammenfassend? Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Ein so dringendes Problem, ein so gravierend schlimmes Problem. Ein globales Problem.
Und wir alle können an seiner Lösung arbeiten. In dem wir wachsam sind. Homophobe, sexistische oder rassistische Sprüche/Witze weder verbreiten noch tolerieren. Aufpassen, dass unsere Sprache nicht ausschließend ist. Menschen mit anderer Religion, sexueller Orientierung, Herkunft, Hautfarbe; Menschen mit Einschränkungen/anderen Fähigkeiten… sie sind Menschen wie wir, wie du und ich, sie haben die gleichen Rechte. Lasst uns solidarisch mit den Unterdrückten sein, lasst uns nicht wegschauen.
Das kann, weitergedacht, auch bedeuten, auf die Straße zu gehen gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Faschismus. Das kann bedeuten, seinen Konsum, seine Lebensweise, seine Ess-und Reisegewohnheiten, seinen Stromanbieter, seine Bank zu ändern. Jede und jeder so viel er kann und möchte. Aber wachsam sein, aufeinander achten, uns helfen im Ernstfall- das sollten wir alle.


Puh, das war vielleicht ein bisschen zu viel Ansprache. Also lasst mich eine witzige Anekdote zum Schluss erzählen. Dass eure Kleiderspenden fast alle hier landen und verkauft werden, hatte ich ja in einem alten Bericht aus Tansania schon mal erzählt. Das führt zu solch tragischen Situationen wie der alten zahnlosen tansanischen Frau, die mir mal mit einem „Fick dich“ -T-Shirt entgegenkam, aber oft ist es auch lustig. Vor einigen Wochen hatte ich mal wieder die Homosexualitäts-Diskussion, mein Gesprächspartner war diesmal ähnlich radikal und intolerant wie meine Mitbewohner im Südsudan, wir haben uns über eine Stunde mit hochroten Köpfen gestritten, ich mich fürchterlich aufgeregt, er sich und seine Religion und seine Kultur angegriffen gesehen.
Genau dieser Mensch –der englischen Sprache nur bedingt mächtig- kam mir nun vorgestern mit einem engen T-Shirt entgegen auf dem groß geschrieben stand „What I love? Partys, Drugs and the endless comsumption of boys“.



Elikya

Espérance hat in einer Woche 5000 verdient, das sind etwa 2,50 Euro und reicht, um zumindest eine Mahlzeit am Tag für sie und ihre Kinder zu gewährleisten. Wir setzen uns zusammen und versuchen, einige Dinge herauszufinden/aufzuschreiben. Anhand von einzelnen Erinnerungen (während des Mordens 1993-1994 war sie etwa so alt wie ihr zweitjüngster Sohn etc) rechnen wir ihr Alter und das der Kids aus- sie kann nicht älter als ich sein. Ihre älteste Tochter ist 8. Wir vereinbaren einen Termin, sich registrieren zu lassen, damit sie wählen kann. Stolz zeigt sie mir das liebevoll geflickte Moskitonetz über der einzigen Matratze. Irgendwo hat sie mal gehört, dass Malaria durch Mücken übertragen wird und für kleine Kinder besonders gefährlich ist und sofort gehandelt. Wir stehen für ein paar Minuten einfach Arm in Arm da und ich sage ihr, wie sehr ich sie bewundere, wie stark sie ist. Sie lacht und drückt mir einen Kuss auf den Hals. Sie wird mir fehlen.

Daniel wurde leider letzte Woche zusammengeschlagen, Gott sei Dank haben sie das Auge knapp verfehlt und es musste auch nichts genäht werden, aber seine Lippe ist angeschwollen und er hat Wunden an Stirn, Nase und Kinn. Es geht ihm auch schon wieder einigermaßen, aber mir ist echt ein Schauer über den Rücken gelaufen, als er mich anrief und sagte, dass er verletzt sei.
Umso dringender hab ich dann weiter nach einem Projekt für ihn gesucht, einer Schule, irgendwas. Er muss und will von der Straße weg… ich werd in den nächsten Tagen Bescheid bekommen, ob „Bigashoboka“ (siehe letzter Eintrag, das Straßenkidsprojekt mit deutscher Unterstützung) einen Platz frei hat, der Leiter war jedenfalls zuversichtlich. Daumen drücken!

Fannery und Katarina geht es gut, Emyline hat mir die ersten Nummern der anderen Frauen herausgeschmuggelt. Ihr Gerichtstermin wurde bestätigt, am 28.

Vor einiger Zeit hat mir meine beste Freundin hier von einer Bekannten erzählt, die unverheiratet –von ihrem Cousin, der das aber vor anderen abstreitet und ihr droht, sollte sie es öffentlich machen- schwanger geworden ist und ohne jegliche Unterstützung die Uni abbrechen musste, bei einem Onkel unterschlüpfte- ihre Eltern und Großeltern wurden schon vor Jahren im Krieg getötet-. Jetzt ist sie ein zweites Mal schwanger und wurde natürlich prompt rausgeworfen. Freunde rieten ihr, das erste Kind einfach bei einer Nachbarin „abzusetzen“ und abzuhauen, sei es doch unmöglich, mit zwei Kindern „durchzukommen“. Das hat sie inzwischen getan- natürlich mit gebrochenem Herzen.
Der Vater des ungeborenen Kindes will sie unterstützen, steht aber selbst kurz vor dem Uni-Abschluss und ist völlig mittellos- und traut sich nicht, seine Eltern einzuweihen und zu seiner schwangeren Freundin zu stehen- fehlt doch in jedem Fall das Geld für eine Hochzeit.
Ich bin auf der Suche nach einem billigen Zimmer für das Mädchen, wenigstens für ein halbes Jahr, bis das Kind geboren und der Vater mit der Uni fertig ist (dann will er angeblich reinen Tisch machen und seine Eltern einweihen). Außerdem höre ich mich nach burundischen Frauenhäusern um.
Das nimmt dann hoffentlich nächste Woche konkrete Formen an.


Eine andere Frau (Olivier kennt sie) wurde von ihrem Mann mit HIV infiziert und dann mit ihren 4 Kids sitzen gelassen. Das Problem ist, dass sie, da sie aus einem anderen Land kommt, hier keine „extended family“ hat, die in solchen Fällen eigentlich hilft und auffängt. Der Mann hat rumerzählt, die Frau wäre eine Hexe, also ist sie weitgehend isoliert in ihrem Viertel am Rande Bujas. Sie bekommt wohl von irgendeiner NGO Geld für Medikamente, aber hat eben sonst keine Einnahmequelle.
Beim durchgucken meines Kleiderschrankes habe ich einige Dinge gefunden, die ich entbehren kann und werde meine Freundinnen hier bitten, das auch zu tun. Dann werde ich auf den Secondhand-Märkten noch nach weiteren Schmuckstücken fanden und ihr dann hoffentlich einen Riesenstapel Klamotten vorbeibringen, den sie in den reicheren Vierteln verkaufen kann (auch ein Job, der in die Kategorie „Kreativität und Innovationskraft“ aus einem der letzten Einträge gehört, genau wie –die hatte ich damals vergessen zu erwähnen- sich eine Waage zu kaufen und Menschen gegen ein paar Cent ihre Waren oder sich selbst wiegen zu lassen oder an einer Mehrfachsteckdose gegen Gebühr Handys aufzuladen)


Was mir weiterhin und immer am Herzen liegt- bitte, bitte von diesen Elikya-Geschichten nicht den falschen Eindruck bekommen, ganz Burundi wäre eine Ansammlung von armen, bemitleidenswerten, unselbstständigen Menschen, sie sich gegenseitig im Stich lassen, das entspräche nicht mal ansatzweise der Wahrheit. Es ist so divers, beeindruckend und schön dieses Land, es gibt so viele kreative, hilfsbereite, gebildete, monetär reiche Menschen hier… wie auch überall sonst.

Eure Anne

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Chris

19 März 2012

Witzig, wie ich auf die Seite gestolpert bin... Respekt vor deinem Afrikaaufenthalt! Harte Sachen, die du dort erlebst. Canadian greets!

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Burundi Burundi, Bujumbura

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Morgen:

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Meine Reisestatus:
Ich bin wieder zu Hause!
Meine heutige Reise:
Auslandssemester in Bujum ...
(2011)
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